igeL-Leichtbau-Symposium 2014 begeistert 140 Teilnehmer

Das am 4. Dezember im großen Vortragsraum des Herforder Museums „Marta“ veranstaltete diesjährige Leichtbau-Symposium war nach einhelliger Ansicht ein schöner, voller Erfolg. Referenten, Zuhörer und der Leichtbau-Branchenverband igeL e.V. (Herford) als Veranstalter waren rundum zufrieden. Mit dem Wechsel nach Herford und guter Präsenz der Möbelindustrie ist diese Vortragsreihe nunmehr endgültig etabliert.

 

Theorie und Praxis modernen Leichtbaus sind in der Möbelbranche angekommen – so viel stand am Ende des Symposiums summarisch wohl fest. Wo das Thema genau zu verorten sei, ob es maßgeblich „Zukunftsmusik“ oder inzwischen eine Sackgasse ist – das waren die spannenden Fragen, die die insgesamt neun Vorträge sowie eine überaus spannende Podiumsdiskussion zu klären suchten.

Leichtbau wie für Ikea gemacht

Nicht von ungefähr hatte der Branchenverband igeL Per Berggren von der Ikea-Group als Key-note-Speaker verpflichtet. Nach einführenden Worten von Oliver Hunger als Vorstandsvorsitzender und Dr. Olaf Plümer als geschäftsführender Vorstand der Interessengemeinschaft gab dieses Urgestein des schwedischen Möbelhauses das Statement ab, dass leichte Holzwerkstoffe ideal zum Businessmodell des Konzerns passen.

Bereits in dem 1997 verfassten, sogenannten „Testament“ des Unternehmensgründers Ingvar Kamprad wird unter dem Aspekt der Ressourcenverschwendung auf Leichtbau Bezug genommen. Für 2025 hat sich das Unternehmen nun zum Ziel gesetzt, den Anteil leichtgewichtiger Produkte von heute 50:50 auf 70 % zu steigern. Medienwirksame Schlagworte wie Materialeffizienz, Umweltschonung, Lebenszyklusanalysen und Carbon Footprint sind bei Ikea gelebter, betriebswirtschaftlich relevanter Alltag, so Berggren.

Er schloss mit der Aufforderung ans Publikum, Ikea zu unterstützen. Partner seien gesucht, die Leichtbau von der Nische in die Massenproduktion führen. Nicht zuletzt die wieder aufkommende Formaldehyddiskussion ist Anlass für die Konzernstrategie „Weg von der Spanplatte“ – und hin zu intelligenten, unbedenklichen und preiswerten Konstruktionsstoffen aus Holz. Mit Bo-Board, Boards on Stiles/ on Frame, dem Accordeon Board und „ILW#“ sei der Richtungswechsel eingeläutet.

Wenn nur Spanplatten nicht so billig wären

Die Vorträge von Architekt Lennart Wiechell (Büro Schmidhuber, München) und Dr. Leo van der Velde (Dekker, Zevenhuisen/NL) beleuchteten aktuelle Beispiele des Leichtbaus in unterschiedlichen Einsatzgebieten. Wiechell zeigte beeindruckend am Beispiel des deutschen Pavillons zur kommenden Weltausstellung in Mailand 2015, dass einfache und natürliche Materialien mit hohem planerischen und konstruktivem Anspruch der Qualitätsmaßstab in der Architektur „schlechthin“ geworden sind.

Van der Velde berichtete zwar über die durchschlagenden Erfolge der vom Unternehmen etablierten Arbeitsplattenlösungen in Leichtbau, legte aber mit Blick auf die Kostenfrage tief den Finger in die Wunde . Solange Spanplatten weiter so konkurrenzlos günstig und akzeptiert blieben, stechen die Trümpfe „pro Leichtbau“ mit dem Fokus Ressourcenschutz, Gewicht und erweiterte Funktionalität nur begrenzt. Erst wenn Leichtbau Kostenvorteile für Industrie und Verbraucher brächten, sei ein breiter Durchbruch möglich.

BOS-Wabenplatten international technischer Standard

Die Maja-Möbelwerke (Wittichenau) erlaubten durch ihren Geschäftsführer Uwe Gottschlich dann den Zuhörern einen tieferen Einblick als gewohnt in den unternehmerischen Alltag des wichtigen Ikea-Lieferanten. Obwohl mit Gründung 1964 nicht mehr so jung an Jahren wagte das Unternehmen 2011 gemeinsam mit ihrem vorgenannten Großkunden den mutigen Sprung ins „Leichtbau-Becken“. Ziel war es, vollautomatisiert 3 Mio. „Kallax“-Regalmöbel mit insgesamt 28 Mio. Einzelteilen pro Jahr in Leichtbauweise herzustellen. Heute verlassen beeindruckende 160.000 m³ BOF- und nochmals 56.000 m³ BOS-Teile jährlich die sächsische Kleinstadt. Oder anschaulicher gesagt: 25 mit Leichtbauelementen vollbeladene LKW am Tag!

Thematisch folgend stand mit Wolfgang Mellies (Robert Bürkle, Freudenstadt) der maschinentechnische Projektpartner von Maja Rede und Antwort. Für das Schwarzwälder Unternehmen, das sich bereits seit 2003 mit Leichtbau befasst, ist die Fragestellung „Leichtbau = Sackgasse?“ längst zugunsten der BOS-Platte beantwortet. Leichtbauplatten zwischen 16 und 50 mm Stärke seien international(!) längst Stand der Technik und in erprobten Verfahren herstellbar. Insbesondere durch Board-on-Stiles sei die Grundlage für eine rationelle und wirtschaftliche Massenproduktion geschaffen, so Mellies. Mit konventioneller Beschlag- und Kantentechnik ist die Produktion handelsüblicher Formate in Leichtbauweise heute gängiger Standard.

Leichtbau ist Renditebringer

Vor diesem klaren Bekenntnis zum Leichtbau diskutierten Marc Bickler (Leichtbau Cluster Landshut), Michael Prinz (Poggenpohl), Jürgen Köppel (Homag), Manfred Riepertinger (Egger), Dr. Christian Terfloth (Jowat) und Martin Wieland (Hermes) auf dem Podium des Marta-Forums die verschiedenen Facetten im Möbel-Leichtbau. Auch hier war in keinem Fall von einer mutmaßlichen „Sackgasse“ die Rede.

Vielmehr bestand Konsens, dass unabhängig aller (fach-)bekannten Leichtbau-Vorteile sich ein gewaltiges Kommunikationsloch vor dem Möbelhandel und den Verbrauchern auftue. Mit Aussagen wie „Wir verkaufen Leichtbau negativ“ (als ‚Pappe‘) oder „Warum ist Leichtbau bei Mercedes oder Audi innovativ und bei Möbeln ‚billig‘?“ bestand Einigkeit, dass das Wording und der kommunikative Fokus auf „leicht“ nicht glücklich und der Sache wenig dienlich seien. Ob der vorgeschlagene Alternativbegriff „Composites“ jedoch zielführender ist?

Eigenschaftsportfolio von Leichtbauplatten intelligent einstellbar

Für das High-End-Segment im manufakturnahen Möbelbau sprach Carsten Hellmuth von Schotten & Hansen (Peiting). „Selbst entwickeln statt kaufen“ lautet hier die Devise, wenn es um beispielsweise um individualisierte Tische in Einzelfertigung um 15.000 Euro je Stück geht. Und die trotz 5 m Länge nur 120 kg wiegen. Im Ergebnis sei gemeinsam mit dem IHD in Dresden die furnierwaben-basierte Platte „Heilight“ mit 8 kg/m² Flächengewicht entstanden, die sowohl qualitativ auf Spitzenniveau liegt als auch vom Eigenschaftsprofil her technisch „einstellbar“ sei.

Dieter Roxlau, Hauptgeschäftsführer des NRW-Tischlerverbands mit Sitz Dortmund, hinterfragte nur rhetorisch im Vortragstitel „Leichtbau im Handwerk: eine ungenutzte Chance?“ den aktuellen Status und gab sogleich die Antwort selbst: Rund für die Hälfte aller Handwerksbetriebe in Nordrhein-Westfalen sei Leichtbau gelebter Alltag. Aus seiner Sicht sind alle technischen Fragen beim Leichtbau gelöst – was aus betriebswirtschaftlicher Sicht für einen Handwerker leider nicht immer der Fall sei. Positiver Ausblick dennoch: Rund 90 % Zustimmung erhält die Forderung, Leichtbau in die Handwerks-Lehre aufzunehmen.

Leichtbau heißt: Unnötiges weglassen, Nötiges minimieren

Die beiden letzten Vorträge der Veranstaltung kamen aus dem Yacht- bzw. Schiffsbau – also jenem Segment, in dem das Transportgewicht von ausschlaggebender Bedeutung für die Betriebskosten ist. Für die Meyer Werft in Papenburg referierte Bertram Weiss über den Leichtbau mit den Schwerpunkten Metall-Verbundwerkstoffe, Wabenplatte und Stahlsubstitution. Die Werft, die heute Passagierschiffe bis 170.000 BRT und 5.000 Personen Gesamtbelegung baut, ist unter Treibstoffgesichtspunkten geradezu zu leichtem Bauen verpflichtet: Eine Faustregel besagt, dass eine Tonne Materialersparnis zu einer Tonne Verbrauchsminderung bei Diesel führt.

Unter ganz ähnlichen Aspekten, nämlich „Unnötiges weglassen und Nötiges auf ein Minimum reduzieren“, plant und arbeitet das Unternehmen Deutsche Werkstätten Hellerau bei Dresden. Auch hier, so F&E-Leiter Hans Glöckler, ist die gelungene Symbiose zwischen Design, Sicherheit, Technik, Raum und Gewichtsmanagement gefragt. Allerdings in einer deutlich individuelleren Form: DWH liefert Kompletträume für Yachten bis 180 m Länge, die oft nur acht Kabinen haben – dafür dann aber ein eigenes Musikstudio, Kino, Sauna, Tennisraum, einen Hubschrauberlandeplatz und ein eigenes U-Boot…

Möbel-Leichtbau braucht das igeL-Netzwerk

Für Dr. Lucas Heumann (Möbelverbände NRW), der die Veranstaltung vor einer Ausstellungsführung durch das Marta-Museum und der igeL-Abendveranstaltung beschloss, war das diesjährige Leichtbau-Symposium ein einzigartiger Beweis, dass das Thema und die Veranstaltungsreihe ihre Heimat in Herford als Zentrum der deutschen Möbelindustrie gefunden haben.

Das unterstrich vor allem die erfreulich große Besucherzahl aus dem Kreis der Möbel- und Küchenmöbelindustrie. Nötig als nächste Aufgabe sei, endlich den Möbelhandel als Mittler zum Verbraucher für den Leichtbau zu begeistern. Und zudem: Der igeL als Interessensvertreter des Möbelleichtbaus sei auf dem richtigen Weg – was Transportlogistik und Onlinehandel immer mehr vor Augen führen.